Welche Beiträge müssen Zivilgesellschaft, Menschenrechts- und Friedensbildung leisten?
Ob in der Ukraine, in Gaza, im Sudan, in Äthiopien, Syrien, Afghanistan und an vielen anderen Orten der Welt: Das Völkerrecht wird missachtet, gebrochen, interessengeleitet gedeutet, und massivste Menschenrechtsverletzungen werden schlicht ignoriert bzw. nicht sanktioniert. Erst kürzlich haben verschiedene Völkerrechtsexpert*innen, darunter Anne Peters, Direktorin des Max-Planck-Instituts für Völkerrecht, die Angriffe der USA und Israels auf den Iran als eindeutig völkerrechtswidrig bewertet. Selbst kurzfristige politische und militärische Interventionen – wie die Entführung von Nicolás Maduro in Venezuela Anfang des Jahres – destabilisieren Völkerrecht und internationale Ordnung. Folgerichtig warnte der Verband Entwicklungspolitik und Humanitäre Hilfe (VENRO) nach dem Angriff auf den Iran in einem Statement vom 2. März 2026 vor den gefährlichen Konsequenzen einer solchen Aushöhlung der regelbasierten Ordnung – nicht nur für den aktuellen Konflikt, sondern für die globale Friedenssicherung insgesamt.
Folgt nun (wieder) eine Epoche der Rechte der Stärkeren?
Dabei zeigt die jüngere Geschichte durchaus, dass es nach tiefen Krisen völkerrechtliche Debatten um seine Weiterentwicklung gab: Zum Beispiel nach dem Völkermord in Ruanda (1994), dem Massaker von Srebrenica (1995) und dem Völkermord in Darfur (2003), als die Idee der „Schutzverantwortung“ (Responsibility to Protect) aufkam und ernsthaft international diskutiert wurde. Doch eine universelle Strafjustiz für völkerrechtliche Straftaten ist bis heute eine ferne Vision geblieben.
Wolfgang Kaleck, der als Gründer und Generalsekretär des European Center for Constitutional and Human Rights (ECCHR) schon lange mit strategischer Rechtsarbeit auf verschiedenen Ebenen gegen Straflosigkeit kämpft, widerspricht der Einschätzung vom Ende des Völkerrechts leidenschaftlich. In seinem 2026 erschienen Buch „Die Stärke des Rechts vs. Das Recht des Stärkeren“ plädiert er für eine Verteidigung und Weiterentwicklung des Völkerrechts und wirbt diesbezüglich für „neue Konstellationen von zivilgesellschaftlichen Bewegungen, Intellektuellen und Künstler*innen und weitsichtigen Staaten und Wirtschaftsakteuren aus Europa, Afrika, Lateinamerika und Asien.“
In seinem Vortrag wird Wolfgang Kaleck wesentliche Aspekte seines optimistischen Plädoyers für eine gemeinsam gültige globale Rechtsordnung vorstellen, jedoch nicht ohne auf Schwachstellen, Doppelstandards und Rückschläge zu verweisen. Eines stellt Kaleck in seinem Buch schon sehr früh klar: Eine „gerechte Weltordnung“, welche die Rechte und Freiheiten aller Menschen, Gesellschaften und Staaten ohne Einschränkung schützt, verteidigt und durchsetzt, hat es ohnehin noch nie gegeben. Für die allermeisten Menschen auf diesem Planeten, vor allem für die Menschen in den Gesellschaften des Globalen Südens, „war die Welt noch nie in Ordnung“.
In dem zweiten Teil der Veranstaltung wollen wir dann gemeinsam mit Aktivist*innen und zivilgesellschaftlichen Akteur*innen diskutieren, wie wir als Initiativen, Vereine und entwicklungspolitische Einrichtungen dazu beitragen können, dem Völkerrecht und einer Menschenrechtskultur zu einem lebendigen und global akzeptierten Rahmen für Frieden, Sicherheit und gleiche Rechte zu verhelfen. Wie können wir hierzulande eine entsprechende Haltung in Politik und Gesellschaft mobilisieren? Wie lassen sich in Bildungs- und politischer Lobbyarbeit gegenwärtige Ungerechtigkeiten und Asymmetrien überzeugend thematisieren? Wie können wir hier unseren kleinen Beitrag möglichst effektiv leisten, die Betroffenen, Angehörigen und Überlebenden von Völkerrechtsbrüchen und Menschenrechtsverletzungen besser zu schützen, zu stärken und zusätzlich präventiv zu wirken?
Klar ist, dass wir eine starke, engagierte und auch international gut vernetzte Zivilgesellschaft brauchen, um die öffentliche Debatte über globale Gerechtigkeit voranzutreiben!
Die Veranstaltung richtet sich an alle, die keine passiven Zuschauer*innen sein wollen, die nicht aufgeben, sich eine Welt ohne Krieg und Gewaltherrschaft vorzustellen, die eine gerechte, soziale und ökologisch überlebensfähige Welt der patriarchalen und despotischen Zerstörung vorziehen.
Zwecks besserer Planung bitten wir um Anmeldung bis zum 18. Juni 2026 unter info@nord-sued-bruecken.de
Wir freuen uns über Eure/Ihre Teilnahme!
Programm
16:00 Uhr Begrüßung und thematische Einführung
Ingrid Spiller, Vorstandsvorsitzende Stiftung Nord-Süd-Brücken
16:15 Uhr Impulsvortrag: „Die Stärke des Rechts vs. Das Recht des Stärkeren“
Wolfgang Kaleck, Generalsekretär des European Center for Constitutional and Human Rights (ECCHR)
16:45 Uhr Ingrid Spiller im Gespräch mit Wolfgang Kaleck und dem Publikum
17:15 Uhr Kaffeepause
Wolfgang Kaleck signiert Bücher
HELIN VOICES – Stimmen, die Brücken bauen
Ein Radioprojekt von Minderheiten für Minderheiten: Junge Menschen aus Shingal und Mosul entwickeln gemeinsame Beiträge über Erinnerung, Alltag, Zukunft und Zusammenleben
17:45 Uhr Podiumsdiskussion: „Wie stärkt Zivilgesellschaft in der gegenwärtigen weltpolitischen Situation durch Menschenrechts- und Friedensbildung gemeinsame globale Verantwortung und das Völkerrecht?“
mit
- Anica Heinlein, VENRO-Co-Vorsitzende
- Karola Kunkel, Mitglied des Vorstands von Friedenskreis Halle
- Mariam Claren, Special Representative & Head of Iran Programs, HÁWAR.help e.V.
Moderation: Ulrike Lauerhaß, Programmreferentin EZ-Projekte, Stiftung Nord-Süd-Brücken
19:00 Uhr Ausklang und Netzwerken bei Fingerfood und Getränken
Im Anschluss an die Podiumsdiskussion besteht die Möglichkeit zum informellen Austausch bei einem kleinen Imbiss und dabei mit den Projektreferent*innen in Kontakt zu kommen.